Frauen springen weiter! Wer hopst hinterher?

September 8, 2009 by Katrin Molkentin  
Filed under Schnappschüsse

frauensprung

Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und das Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) haben mit Unterstützung einer gekannten Frauenzeitschrift die Studie “Frauen auf dem Sprung” fortgesetzt. 2007 wurden für die repräsentative Untersuchung insgesamt 1.020 Frauen zwischen 17 und 19 bzw. 27 und 29 Jahren persönlich interviewt. 18 Monate später erscheint heute das Update. Frauen, die auch schon beim letzten Mal befragt wurden, sollten Aufschluss darüber geben, ob sie auch in Krisenzeiten zu ihrem Wort stehen.

Frauen sind noch kompromissloser? 

Ein Kompromiss ist ein Ausgleich, der durch beiderseitiges Nachgeben erzielt wird. Wenn Frauen aber bisher wegen des Partners auf Job, Wohnort oder gar Nachwuchs und umgekehrt verzichtet haben, war dies kein Kompromiss. Mir zumindest leuchtet nicht ein, in welchem Punkt Männer in der Vergangenheit nachgegeben haben sollten. Als kompromissloser wurden die Frauen aber vorgestellt, die 2009 noch mehr als 2007 sagen, dass sie für eine Partnerschaft keine Einkommensverluste hinnehmen würden. Kompromissloser sollen sie auch sein, weil sie für ihre Arbeit weder auf eine Partnerschaft, noch auf Kinder verzichten würden. Faule Kompromisse sind keine Kompromisse, insofern finde ich die Frauen nur konsequenter. Oder kann mir jemand erklären, was die Frauen im Gegenzug dafür bekommen, wenn sie auf Einkommen, Aufstiegsmöglichkeiten oder Kinder verzichten. Das Entgegenkommen soll ja wohl hoffentlich nicht ausschließlich aus der Partnerschaft bestanden haben?

Frauen kaufen ihre Butter selbst!

Am deutlichsten fällt das Ergebnis hinsichtlich der Erwartungen an den Partner bzw. die Partnerin aus. Hier zeigt sich, dass die Vorstellungen von Männern und Frauen noch nicht zusammenpassen. Während die Frauen es am wichtigsten finden, wenn ihr Partner sich Zeit für die Familie nimmt (37%) und gleich danach auf die Bildung des potenziell Auserwählten blicken, so halten sich die Männer noch immer mit der Vorstellung auf, der Ernährer dieser Familie sein zu müssen. Über die Hälfte der Männer (52%) ist es am wichtigsten mehr Geld als die Partnerin zu verdienen. Die Frauen aber wollen sich ihre Butter selbst kaufen können. So finden 91% es wirklich wichtig einen Arbeitsplatz zu haben und 88% streben nach finanzieller Sicherheit. Damit ist nicht gemeint, dass sie in den finanziellen Abhängigkeitshafen schippern wollen, denn 87% sagen auch, dass ihnen finanzielle Unabhängigkeit wirklich wichtig ist.

Kein Rückzieher

Das Update der Studie macht deutlich, dass die Frauen auch in schwierigeren Situationen keinen Rückzieher machen. Die Frauen sind sogar noch etwas weiter gesprungen als 2007. Nun müssen Politik und Männer hinterher hopsen. Ich sehe in den Aussagen, dass das Betreuungsgeld von keiner jungen Frau gewünscht ist. Vielmehr sollte das Geld in den nötigen Ausbau der Kinderbetreuung fließen. Denn junge Frauen wünschen sich keine Debatte, sondern die Realisierung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Erkennbar ist auch, das dass Ehegattensplitting ausgedient hat. Steuerliche Erleichterungen, die den Einkommensunterschied manifestieren und eine traditionelle Rollenverteilung fördern sind nicht mehr gewollt. Ich sehe aber auch, dass hinsichtlich der weiblichen Teilhabe auf dem Arbeitsmarkt das derzeitige Teilzeiten überwunden werden muss. Die gewünschte finanzielle Unabhängigkeit ist mit 20-30 Stunden-Jobs nicht zu erreichen. Vielmehr müssen wir darüber nachdenken, wie die Arbeitszeit in der Phase von Familiengründung und Kinderbetreuung für BEIDE Elternteile ausgestaltet werden könnten.

Es gibt noch viel zu tun! Hier sind die Entscheidungs-Grundlagen dazu.

Er trägt schon 68 und ich?

August 22, 2009 by Katrin Molkentin  
Filed under Zwischen Pudern und Promotion

familiekarriere

Soviel wollte ich nebenbei machen. Ein Buch schreiben oder zumindest regelmäßig Texte für diese Seite hier. Einen Master machen oder zumindest einen VHS-Kurs abschließen. Einmal das Mittelmeer umfahren oder zumindest Frankfurt am Main gesehen haben. Nach 9,5 wochen habe ich das erste Kapitel begonnen, mich in Kinderkrankheiten und Babypflege weitergebildet und bin schon bis nach Kiel zu meinen Schwiegereltern gereist.

Unser Nachwuchs trägt bereits Größe 68 und aus mir ist immer noch keine Heidi Klum, Angelina Jolie oder Michelle Obama geworden. Sie machen es uns vor: Eine Mutter umsorgt liebevoll ihr Kind und versorgt souverän den Haushalt. Sie pflegt gute Beziehungen zu allen Freunden, Verwandten und Anverwandten. Sorgt für ihren Lebenspartner/Mann und liest ganz nebenbei die neuesten Fachbücher der Gesundheits- und Ernährungswissenschaft. So wird sie später nicht nur Ökotrophologin, sondern kann nebenbei als Foodjournalistin etwas dazuverdienen!

Ich bin nicht wie diese Rolemodels und entspreche schon gar nicht den Werbebildern einer jungen Mutter. Aber welche Mutter tut dies schon? Zum Milch abpumpen lege ich weder Schmuck an, noch trage ich Schminke auf. Die Frau auf der Verpackung meiner Pumpe schon! Ich öffne dem Postboten auch nachmittags noch im Bademantel die Tür, obwohl ich bereits seit Stunden auf den Beinen bin. Das Kind auf meinem Arm lächelt nicht, sondern unterhält sich mit mir. Andere würde sagen: Es schreit! Dabei vermitteln mir Elternmagazine, Bücher, Werbe- und Kinofilme ein anderes Bild. Ich bin reingelegt worden. Ich bin weder eine Re-Start-, noch eine Multi-Handling- und schon gar keine Latte-Macchiato-Mutter. Mir ist nicht klar, welche Lebenswelten Fanta und das Zukunftsinstitut untersucht haben, um diese und 6 weitere Muttertypen zu entdecken.

Aber im Ernst! Was ich festhalten möchte ist, dass eine Mutter heute beides sein soll: Fels in der Familienbrandung und Arbeitsbiene. Das viele Frauen auf diese Anforderung mit der Reduktion ihrer Arbeitszeit reagieren, kann ich zumindest verstehen, wenn auch nicht nachmachen. Ich muss den Beweis noch antreten, dass ich Vollzeit arbeiten gehen und mich um den Nachwuchs zur Hälfte kümmern kann. Ich hoffe, dass ich an diesem öffentlichen und auch eigenen Anspruch nicht scheitern werde.

Und dennoch weiß ich, dass ich trotz der beabsichtigten voll umfänglichen Arbeitsplatzausübung für viele KollegInnen nach meiner Rückkehr nicht mehr die gleiche sein werde. Ich werde um 16.15 Uhr das Haus verlassen, weil ich den Kindergarten vor seiner Schließung erreichen muss. Letzte Woche habe ich den Betreuungsplatz für unseren Kurzen klar gemacht. Seit dem denke ich viel über mein Vereinbarkeitsexperiment nach. Das Objekt unserer Kinderbetreuungsbegierde hat bis 17 Uhr geöffnet. Ich kann und will mich darüber nicht beschweren. Ich kann nicht, weil in vielen Teilen Deutschlands dies als Betreuungsoase gilt, angesichts einiger Orte, in denen Kinder um 12 abgeholt und nach dem Verzehr des heimisch zubereiteten Mahls wieder hingebracht werden. Und ich will nicht, weil nicht längere Öffnungszeiten, sondern eine Änderung unserer Arbeitskultur die Lösung sein muss. Leider hat sich diese Erkenntnis noch nicht sehr weit durchgesetzt. Vielmehr wird erwartet, dass wenn man sich schon die Beine ausreist, dass man mit den Armen einfach ebenso verfährt. Ich erwische mich oft bei der Frage wie viel Kinder man max. haben kann, wenn man Vollzeit tätig bleiben will?

Wann endlich sind Termine nach 16.00 Uhr Vergangenheit? Wann endlich gilt der junge Mann, der am nächsten Tag übermüdet über den lang gewordenen Arbeitstag stöhnt, als unorganisiert statt bewundernswert? Wann endlich proben junge Frauen in den Betrieben den Aufstand, statt das Teilzeitmodell?

Das werde ich in den nächsten Jahren sicher häufiger fragen. Ich bin nicht mehr Teil dieser Arbeitskultur, sondern fühle mich von ihr bedroht. Ich habe die Seiten gewechselt. Wahrscheinlich bin ich nichts weiter als eine Lobbyistin. Und die haben es bekanntlich nicht leicht.

Einen Unterstützer habe ich bereits: Olaf Scholz hat seine Gedanken dazu bereits skizziert. Was meint ihr? Wie muss die neue Arbeitswelt aussehen?